Offener Brief an den WDR-Rundfunkrat PDF Drucken E-Mail
Freitag, 14. Mai 2010 um 14:09 Uhr

Als Patientenorganisation kritisieren wir die öffentlich verkündigte Entscheidung der WDR-Intendantin Monika Piel, den Journalisten Klaus Martens „freizustellen und arbeitsrechtliche Schritte einzuleiten“. Die Begründung, Martens hätte falsche Angaben zum Veröffentlichungstermin seines Buches „Heilung unerwünscht“ gemacht, erscheint uns als Außenstehende nicht nachvollziehbar. Bitte prüfen Sie in Ihrer Kontrollfunktion als Rundfunkräte, ob in diesem Fall der WDR versucht, von erheblichen Fehleinschätzungen zweier WDR- Fernseh-Redaktionen abzulenken, indem er der Öffentlichkeit ein Bauernopfer präsentiert. Als Patientenorganisation liegt uns sehr daran, dass es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen weiterhin kritisch-aufklärende Berichte gibt, selbst wenn es hinterher Proteste und Kritik hagelt. Ein engagierter Journalist wie Klaus Martens würde nach einer Entlassung aus dem WDR nur noch schwer seinen Beruf in gleicher Weise ausüben können. Das Signal für alle anderen und vor allem für die Pressefreiheit in diesem Land wäre fatal!

Frau Piel wird in der Presseerklärung zur Freistellung Martens mit den Worten zitiert, dass die „journalistische Unabhängigkeit“ des WDR nicht verhandelbar sei. Nun ist jedem TV- Zuschauer der Nachspann „Das Buch zur Sendung“ bekannt. Es scheint also nichts Ungewöhnliches zu sein, dass zu einem Film parallel ein Buch erscheint. Unverständlich erscheint uns, wie ein Autor durch eine gleichzeitige Buchveröffentlichung seine „Unabhängigkeit“ verlieren kann. Hat journalistische Unabhängigkeit nicht eher etwas mit Inhalten und weniger mit der Verwertung dieser Inhalte zu tun? Völlig haltlos kommt uns die Begründung auch deshalb vor, weil Martens in der WDR-Sendung „Hart aber fair“ aus- drücklich als Autor des beanstandeten Buches vorgestellt wurde – mit deutlichem Hinweis auf die Sendung zwei Tage zuvor und auf die Langversion in Phoenix drei Tage später. Sind die angeführten „WDR-Programmgrundsätze“ in den Redaktionen des Senders nicht bekannt? Wusste die Intendantin nicht, dass Frank Plasberg den Buchautor kurzfristig in die Sendung geschoben hatte (eigentliches Thema „Schweinegrippe“!), weil sein TV-Beitrag zum gleichen Thema für Furore gesorgt hatte?

Für den neutralen Beobachter sieht es so aus, als habe man über sechs Monate gesucht, um einen Grund zu finden. Sollte das stimmen, wird durch die Presse-Erklärung zur Freistellung der Ruf eines aus unserer Sicht seriösen und engagierten Journalisten vorsätzlich beschädigt, selbst wenn er seinen Arbeitsgerichts-Prozess später gewinnt.

Wir befürchten, Klaus Martens soll entlassen werden, weil sein TV-Beitrag inhaltlich heftig kritisiert wurde und vor allem deshalb, weil das Präparat „Regividerm“ kurz danach auf den Markt kam. Auch wir hatten seinerzeit den WDR nach diesen Zusammenhängen gefragt. Der TV-Beitrag hat eine Lawine losgetreten: Als Patientenorganisation hatten wir wochenlang kaum etwas anderes zu tun als Fragen nach „Regividerm“ zu beantworten - wie auch Apotheker, Ärzte und Beratungsstellen. Als Betreiber des Internetportals www.Psoriasis-Netz.de mussten wir uns monatelang mit heftigen Diskussionen, Kritiken und Verschwörungstheorien auseinandersetzen. Aber mit diesen öffentlichen Reaktionen hätten alle Verantwortlichen der TV-Redaktion „die story“ rechnen müssen: Der Beitrag wurde tagelang vorher beworben. Er lief zur besten Sendezeit und wurde als Langbeitrag in Phoenix wiederholt. Ist es denn keinem der verantwortlichen Redakteure aufgefallen, dass der Beitrag sich nur mit einem einzigen Präparat beschäftigt? In Verbindung mit dem reißerischen Titel „Heilung unerwünscht“, konnte niemand ernsthaft überrascht sein, dass sich die betroffenen Haut-Patienten auf dieses „Wundermittel“ stürzen würden.

Wir haben einige der zitierten Studien nachgelesen. Obgleich es sich stets um wenige Patientenzahlen handelte, haben renommierte Dermatologen bestätigt, dass die Vitamin B12 Salbe wirkt. Das waren keine „Mietmäuler“, wie sie der SPIEGEL-Journalist Markus Grill im NDR im Magazin „Zapp“ bezeichnet hat. Trotzdem hat niemand in der WDR-Redaktion „die story“ darauf bestanden, auch gegensätzliche Arztmeinungen einzuholen oder nachzufragen, bei wie viel Patienten die Salbe nicht geholfen hat. Das hat dann „Zapp“ teilweise nach- geholt. Der Grund lag vermutlich darin, dass überhaupt nicht beabsichtigt war, in dem TV- Beitrag die Vitamin B12 Salbe als ein Wundermittel darzustellen. Intention war es, zu kritisieren, dass große Pharmafirmen Mittel ablehnen, die helfen könnten – an einem konkreten Beispiel. Hätte man mehrere Fälle gezeigt, hätten die Zuschauer vielleicht moderater reagiert. So aber haben die Betroffenen 45 bzw. 60 Minuten nur die eine Botschaft gehört. Aber wer genau hat diese suggestive Wirkung beim Publikum zu verantworten? Der Autor Klaus Martens alleine oder nicht doch eine ganze Redaktion?

Wir haben sehr genau recherchiert und erfahren, dass durch den Fernsehbeitrag die schon geplante Markteinführung lediglich vorgezogen wurde. Vermutlich hätte es zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehört, sich kurz vor dem Sendetermin nach dem Stand der Zulassung zu erkundigen. Aber ist das wirklich in der Redaktion „die story“ angesprochen worden? Völlig abwegig erscheint es uns, dass Klaus Martens in irgendeiner Weise Vorteile seitens des Herstellers bekommen haben könnte. Dazu halten wir diese Firma für zu klein und Herr Martens für zu klug. Aber nur einzig und allein in diesem Fall hätte man ihm vorwerfen können, als Journalist nicht unabhängig zu sein.

Wissen Sie als Rundfunkräte genau, wer alles mit welchen Argumenten gegen diesen Beitrag protestiert hat? Können Sie ausschließen, dass sich der WDR einflussreichem Druck gebeugt hat? Professor Altmeyer zum Beispiel hat im November 2001 eine Studie in der wissen- schaftlichen Zeitschrift „Dermatology“ veröffentlicht. Darin bestätigt er der Vitamin B12 Salbe, genauso gut zu wirken wie ein verglichenes, verschreibungspflichtiges Präparat. Er hielt die Creme als Langzeittherapie für geeignet. Wir haben nie verstanden, weshalb er acht Jahre später diese Aussage relativiert hat – nach dem Hype zu Regividerm.

Natürlich kritisieren wir an dem TV-Beitrag, das Titel und emotionale Bilder suggerierten, es würde über einen Wirkstoff berichtet werden, der „alle heilen“ könne. Damit wurden undifferenziert Hoffnungen bei verzweifelten Menschen geweckt, die eine chronische Krankheit haben. Es gibt bei unserer Krankheit kein einziges Medikament, das allen hilft. Aber so ein Beitrag wird vermutlich auch von einer Schlussredaktion abgenommen, die sich der Suggestionen hätte vorher bewusst sein müssen.

Wir sind kritische Patientenvertreter, die völlig unabhängig mit allen Beteiligten reden und uns ein eigenes Urteil bilden. Wir lehnen Sponsorengelder aus der Pharmaindustrie ab, kritisieren deren Einfluss durch Geldgeschenke und arbeiten lieber mit geringem Budget. Deshalb erlauben wir uns, bei dieser Personalentscheidung „ein Geschmäckle“ zu befürchten. Wir bitten Sie, sehr geehrte Damen oder Herren des WDR-Rundfunkrats“, das aufzuklären.

Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Mit freundlichem Gruß

Für den Vorstand: Rolf Blaga

Antwort des WDR-Rundfunkrates

Die entscheidende Diskussion und Abstimmung im WDR-Rundfunkrat hatte bereits im Mai stattgefunden. Das Ergebnis wurde im Psoriasis-Netz kommentiert. Die Erklärung des Rundfunkrats gleich nach derSitzung zu den Beiträgen "Heilung unerwünscht" und "Hart aber fair" kann im Original nachgelesen werden. Darüber hinaus hat die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats der PSOAG ausführlich geantwortet. Den vollständigen Brief können Sie hier als pdf-Datei herunterladen.

Zu unserem Protest schreibt Ruth Hieronymi, dass der Rundfunkrat nur Programmbeschwerden nachgehen dürfe, aber nicht Vorwürfen gegen einzelne Personen. Das Gremium werde sich deshalb weder zu Personalangelegenheiten äußern, noch die WDR-interne Verantwortung für einzelne Beiträge bewerten. Nur die Intendantin dürfe personelle Konsequenzen ziehen, wenn gegen Programmgrundsätze verstoßen werde. 

Der Rundfunkrat gehe davon aus, so Hieronymi, dass im TV-Beitrag "Heilung unerwünscht" den Zuschauern Informationen vorenthalten wurden. Die hätten zwar im Rohmaterial existiert, seien aber dann nicht in die Endfassung übernommen worden. Der Rundfunkrat vermutet, die nicht gesendeten Teile hätten das "gewünschte Ergebnis" verändert. Das, so Hieronymi, müsse als eine schwerwiegende Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht gewertet werden. Gegenüber den Pharmafirmen würden "zentrale Aspekte zur Einschätzung der zugrundeliegenden Fakten" ungenannt bleiben. Das sei ein Verstoß gegen journalistische Fairness. 

Es würde aber nicht zutreffen, so Ruth Hieronymi, dass im TV- Beitrag "Heilung unerwünscht" Schleichwerbung für ein Produkt ("Regividerm") betrieben worden sei. Erst sieben Monate, nachdem der Film fertiggestellt war, sei bekannt geworden, dass das Produkt auf den Markt kommen würde. Für das gleichnamige Buch von Klaus Martens sei in dieser Sendung ebenfalls nicht geworben worden.

Der WDR-Rundfunkrat betont, dass durch die schwerwiegenden Probleme mit einem Beitrag im WDR der investigative (aufspürende, genauestens untersuchende) Journalismus im Sender insgesamt nicht geschwächt werden dürfe. Als Konsequenz legte der Sender mit Datum vom 18.06.10 unter der Überschrift "Wahrhaftigkeit" überarbeitete Grundsätze dafür vor. Diese veränderten Grundsätze kann man im Anhang ihres Briefes nachlesen.

 

Unsere Meinung

Die PSOAG ist nicht davon ausgegangen, dass der WDR-Rundfunkrat die Entlassung von Klaus Martens verurteilen oder sogar rückgängig machen würde. Wir hatten unseren Protest trotzdem an das offizielle Aufsichtsgremium des WDR gerichtet. Die öffentlich bestellten  Mitglieder des WDR-Rundfunkrats sollten erfahren, dass es zu diesem Fall auch andere Einschätzungen aus Patientensicht gibt, als die des Deutschen Psoriasis Bundes. 

Leider blieb Frau Hieronymi in den entscheidenden Punkten völlig nebulös: Sie erläuterte nicht an einem einzigen Beispiel, welche gegenteiligen Informationen genau im TV-Beitrag "Heilung unerwünscht" den Zuschauern vorenthalten worden sind. Sie schreibt von "zentralen Aspekte", die ungenannt geblieben sind, ohne auch nur ein einzigen davon aufzuführen. Schade, denn genau das hätte eine kritische Öffentlichkeit interessiert, um die Entscheidung des WDR-Rundfunkrats nachvollziehen zu können. Wir bestreiten nicht, dass sich der WDR-Rundfunkrat ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. Aber öffentliche Kontrolle des WDR bedeutet in unserem Verständnis, dass die öffentlich eingesetzten Rundfunkrats-Mitglieder ihre Entscheidungen nachvollziehbar begründen - zum Beispiel dadurch, dass das Sitzungsprotokoll veröffentlicht wird.

 

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, 19. Juli 2010 um 18:13 Uhr